"Novemberkatzen" von Mirjam Pressler erzählt auf eindrückliche Weise, wie das Leben in den 50er Jahren stattgefunden hat. Mit der Protagonistin Ilse erzählt Pressler von dem Erwachsenwerden unter schwierigen Umständen.
Januar 2026
Von Hannah Sophie Schmitt
Novemberkatzen
Mirjam Pressler
Beltz & Gelberg 2010
Erstauflage 1982
Ab 10 / 12
Ilse ist das jüngste Kind von Vieren. Ihre älteste Schwester Marga darf bei der Oma leben, weil sie krank und gebrechlich ist und das Leben im Sandweg, wo Ilse mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern wohnt, nicht verkraften könnte. Ilses Vater hat eine neue Familie gegründet und kommt die Kinder nur zu Weihnachten besuchen, auch wenn Ilse immer von einer intakten Familie träumt, in der ihr Vater sie abends mit einer Tafel Schokolade empfängt.
Bei Ilses Mutter hingegen ist das Geld knapp, ständig muss sie ihre Schwiegermutter um Geld anpumpen, doch die hat ja schon Marga aufgenommen. Generell ist das Leben im Sandweg hart, es gibt keine Toilette, sondern nur ein Plumpsklo im Hof und auch sonst ist es nicht einfach.
Besonders markant fällt die Behandlung von Ilse durch die Mutter auf. So steht sie zuunterst in der Rangfolge, ihre Brüder geben ihr alle Aufgaben ab und die Mutter duldet es. Mehr noch, die
Mutter findet, als sie einmal krank war, dass sie die letzten Tage bis zu den Ferien auch gleich daheim bleiben kann und ihr helfen kann, anstelle in die Schule zu gehen. Das kommt Ilse ganz
recht, in der Schule ist sie nämlich nicht besonders beliebt, die anderen Kinder rufen ihr "Ilse bilse, keiner willse", hinterher.
Diese Aufgeschlossenheit von Ilse und ihre Einsamkeit – bis auf einen Freund, der nach einem Unfall bettlägerig ist – hat sie keine Freunde oder soziale Beziehungen ausserhalb der Familie. Auch
von der Mutter und der Oma erfährt Ilse oft Ablehnung.
Ilse muss sich stets behaupten – in der Schule, bei ihren Mitschüler*innen, in ihrer Familie und in ihrem Leben.
Mirjam Pressler erzählt auf eine eindrückliche, realistische Art und Weise von dem Leben in der Nachkriegszeit und beschreibt Ilses Gefühle und Zerrissenheit sehr akkurat.
Wärmstens zu empfehlen, wenn man sich gerne mit der Nachkriegszeit und den Themen Kindheit und Wohnen auseinandersetzen möchte!